Tränen und Glück finden sich in der Stille…

18.7. und die Tage davor

                                   

 

 

 

 

         

 

 

  

Di 18.7. und die Tage davor

 

In den letzten Tagen drehte sich mein Leben nur um das Warten, warten auf das Ergebnis der histologischen Untersuchung, auf dass wie es weiterging ob ich noch mal operiert werden müsste. Schmerzen hatte ich nach wie vor keine, aber die Schwestern fragten mich trotzdem immer wieder ob ich nicht doch ein Schmerzmittel brauchen würde. Irgendwann war ich es so leid, diese Fragerei, es störte mich, musste ich denn Schmerzen haben – gehörte das zu meiner Krankheit?  Einmal gab ich  nach und ließ mir ein Schmerzmittel geben mit dem Erfolg, dass es mir am Tag darauf Speiübel war. Ich musste mich übergeben hatte starke Leibschmerzen und schimpfte mit mir selber, weil ich das Schmerzmittel genommen hatte, schimpfte auf die Schwestern weil sie mir dieses Schmerzmittel aufdrängten, schimpfte eigentlich über alles und jeden. Ungeduldig wurde ich und ungeduldig hieß bei mir gleich ungerecht. Die Schwestern meinten es ja wirklich nur gut mit mir und vielleicht war es a-normal keine Schmerzen zu haben nach solch einer Operation, aber dann war ich halt a-normal. Die überwiegende Zeit verbrachte ich in Gesprächen mit anderen Patienten. Ich hatte den Tag über zeit, sehr viel zeit, denn außer morgens den Verbandwechsel und mittags eine Dreiviertelstunde Gymnastik hatte ich keine Verpflichtungen oder Anwendungen. Die Gespräche verkürzten mir den Tag, aber sie fanden im Raucherraum statt, oder in der Cafeteria. Nun die Cafeteria war jeden Tag ein Lichtblick, bei diesem schönen Wetter, bei einem kalten Getränk, draußen sitzend und dabei erzählend. Man kommt Menschen in einer Klinik sehr schnell nahe, schließt Freundschaften von denen man aber auch weiß, dass sie nicht über das Krankenhaus hinausgehen würden. Man vertraute sich Dinge an die man außerhalb der Klinik keinem dieser Menschen anvertrauen würde. Wenn man sich auch beim Namen nannte so war man doch anonym und das ist auch gut so.

Gestern hatte ich mich länger mit der Psychologin unterhalten, sie meinte ich würde alles gut wegstecken, so was hätte sie noch nicht erlebt und sie wüßte irgendwie nicht wie sie mir Unterstützung geben könne. Dabei hörte sie mir doch zu und das war alles was ich im Moment brauchte – jemand der einfach nur zuhören konnte.

Ich genoss jeden Tag das Gespräch mit ihr, es war nicht so einseitig, wir unterhielten uns über viele Sachen und es waren Sachen, die sich nicht nur um meine Krankheit drehten, sondern mehr eine anspruchsvollere Unterhaltung über das was wir in den Nachrichten gesehen hatten und wie wir dazu standen und das schöne war; sie gab mir nicht immer Recht (so war ich es gewohnt bei Leuten die von meiner Krankheit erfuhren) sie diskutierte mit mir behandelte mich wie einen gesunden Menschen, dem man nicht das Gehirn herausoperiert hatte.

Es war Montagabend ich stand an meinem Fenster schaute nach den Sternen, waren meine Eltern heute wieder da? Ja – ich sah ihre Sterne und musste lächeln, irgendwie war ich wieder zum Kind geworden, ich bat heute genauso um Hilfe wie vor vielen Jahren nur war mein Wunsch diesmal nicht so einfach zu erfüllen, denn ich hatte Krebs.

Es klopfte und die Nachtschwester kam herein. „Frau ….. können Sie nicht schlafen? Möchten Sie eine Schlaftablette?“

Nein ich konnte nicht schlafen und nein ich wollte keine Schlaftablette, ich wollte noch ein wenig denken, daran denken was morgen sein würde, würde mir Dr. Paas eine gute Nachricht mitbringen?  Nachdem die Schwester mit einem freundlichen Gute Nacht hinausgegangen war griff ich automatisch nach meinen Zigaretten und machte mich wieder einmal auf den Weg zum Raucherraum.

Günni, ein Patient der wegen Durchblutungsstörungen hier im Krankenhaus lag, saß alleine in dem dunklen Raum hielt den Kopf gesenkt eine nicht brennende Zigarette in seiner Hand. Irgendetwas war anders, ich konnte nicht sagen was, ich spürte nur wie es mir kalt wurde, wie mich eine Beklemmung überkam und ich mich zwingen musste nicht wieder zurück zu gehen. Leise setzte ich mich zu ihm zündete mir eine Zigarette an, rauchte zwei tiefe Züge und schaute ihn fragend an. Als er mich ansah konnte ich sehen, dass er geweint hatte. „Du hast schlechte Nachrichten bekommen?!“ Er nickte zündete, sich die Zigarette die er vermutlich schon Stunden in der Hand hielt an machte ein paar hastige Züge atmete den Rauch mit einem tiefen Stöhnen aus. Die Zigarette fiel ihm aus der Hand, er bemerkte es nicht einmal.

Langsam stand ich auf kniete mich neben seinen Rollstuhl hob die Zigarette auf, gab sie ihm wieder und fragte ihn ob er reden wolle. Er nahm meine Hand und drückte sie ganz fest, so als wolle er nicht mehr loslassen und dann sagte er: „Sie nehmen mir das ganze Bein ab.“ Es war schrecklich einen erwachsenen Mann so hilflos zu sehen, ihm nicht wirklich helfen zu können. Irgendwie, wie selbstverständlich nahm ich ihn in den Arm und streichelte ihm beruhigend über den Rücken. Es dauerte vielleicht eine halbe Minute, dann setzte ich mich ihm gegenüber und er erzählte mir viele Dinge, ganz intime, die man nie einem Fremden erzählen würde.

Gegen 4 Uhr morgens suchten wir dann unsere Zimmer auf, er hatte sich etwas beruhigt, freute sich darauf, dass er dann keine Schmerzen mehr haben würde.

2 Stunden hatte ich geschlafen, als die Schwester ins Zimmer kam um mir die Temperatur und den Puls zu messen. Beides war zu ihrer Zufriedenheit. Sie fragte mich ob sie denn schon mal das Bett machen könne, denn heute wären weniger Schwestern da und sie wolle ihren Kolleginnen etwas Arbeit abnehmen. Natürlich konnte sie, denn an Schlaf war nicht mehr zu denken. Hoffentlich kam Dr. Paas noch vor den anstehenden Operationen, ich musste endlich wissen wie es um mich stand, wie es weitergehen würde. Ich wusch mich zog mich an und ging wieder zu diesem vermaledeiten Raucherraum. Essen hätte ich sowieso nichts können, mein Magen rebellierte, ich war zu nervös. Jetzt hatte ich auf einmal Angst – ich wollte nach hause, wollte nicht mit dem Arzt sprechen, ich war operiert und jetzt war es auch gut, jetzt wollte ich meine Ruhe haben!!!

Wie immer war der Raucherraum stark besucht nur Günni war nicht da. Er wollte sicher niemanden sehen, wollte genau wie ich seine Ruhe haben. Ich konnte ihn gut verstehen, nur das ich die Ruhe vor dem Arzt und seinem Gespräch haben wollte und er vor uns. Hanni, die Sonntags auf eigene Verantwortung nach hause gegangen war, saß wieder in ihrem Rollstuhl bei den anderen Rauchern. Sie wurde Noteingeliefert nachdem sie zu hause beinahe erstickt wäre. Sie zitterte am ganzen Körper –ihr Morphiumpflaster hatte noch nicht gewirkt und so saß sie mit schmerzverzerrtem Gesicht und rauchte hastig eine Zigarette, es fiel ihr schwer die Zigarette zu ihrem Mund zu führen.

Jetzt hatte ich die Zeit fast überreizt, ich musste aufs Zimmer, damit ich Dr. Paas nicht verpasste. Gerade rechtzeitig, denn kaum war ich im Zimmer da kam er auch schon mit der Stationsärztin und einer Schwester, begrüßte mich wie immer freundlich. Er lehnte sich gegen die Fensterbank und sah mich sekundenlang nachdenklich an ehe er etwas sagte. „Nun Frau …. Wie ich schon sagte, die Operation war erfolgreich (ich warf ein fragendes ABER? dazwischen), aber es wurden noch zwei verkapselte Karzinome auf zwölf und sechs gefunden. Sie wissen was die Zahl bedeuten?“ Natürlich wusste ich es nicht, aber es war nicht schwer zu erraten oben und unten in der Brust. Viele Menschen leben damit, werden Uralt ca. 75%, allerdings bei 25% ging es im laufe der Jahre auf und gelangte in die Blutbahn, was dann eben zur Leukämie führte. Er wollte meine Entscheidung hören und ich entschied ohne lange zu  überlegen, denn ich konnte nicht überlegen, ich hatte einfach nur Angst und wollte alles weg haben. Also noch einmal die für mich so schlimme Narkose, nochmals ein Stück von der Brust weg, vielleicht die ganze?

Dr. Paas erklärte mir den Eingriff, er würde wieder die gleiche „Naht“ aufmachen unter der Haut oben und unten das Karzinom entfernen und an den Wundrändern ein Millimeterchen wegnehmen, damit die Narbe neu verheilen konnte. Es hörte sich alles so einfach, so nach Bagatelle an, aber musste er als Arzt nicht so mit mir reden,  er sollte und wollte mich doch auch beruhigen.  

Ja, ja ich habe doch schon gesagt, dass ich erneut operieren lassen möchte, schließlich wäre ich dann doch auf der sicheren Seite. Schon wieder auf der sicheren Seite wie vor der ersten OP. Er meinte noch ob ich denn erst mal für ein paar Tage nach hause wolle – nein das wollte ich nicht, denn ich kenne mich, ich wüsste nicht ob ich noch mal wiederkommen würde. Nein es sollte so schnell wie möglich gemacht werden. Mit einem freundlichen Nicken verabschiedeten sie sich und ich war allein, allein mit einem Gefühl das ich nicht beschreiben kann. Es war wie ein resignieren, aber auch wieder nicht, denn es war ja ein weiterer Schritt nach vorne, eine weitere Stufe meines Kampfes, gegen den Krebs. Hoffentlich würde es bald geschehen, mein Nervenkostüm war nicht mehr so ganz in Ordnung und ich hatte Angst irgendwie auszurasten.

Oh, ich musste ja noch zu hause anrufen, mein Mann hatte doch Geburtstag und wenn ich ihm schon nichts holen konnte, wollte ich ihm wenigstens gratulieren. Es würde mich auch ein wenig ablenken, damit ich Gedanklich wieder auf die Reihe kam.

Dr. Paas kam noch mal vorbei und sagte mir, dass er mich für den übernächsten Tag auf den OP-Plan gesetzt hatte, es also schnell gehen würde. Ich war ihm sehr dankbar, denn egal wie viel Zeit der Krebs mir gab, meine Nerven gaben mir keine mehr.

Später erzählte ich dann den anderen und vor allen Dingen Günni davon und Günni lächelte schelmisch und meinte, dann könnten wir uns vor dem OP ja noch einige Witze erzählen, denn er würde am gleichen Tage operiert. Natürlich wurden dann auf unsere Kosten Witze gerissen, so in der Art; na die sind ja vielleicht gerissen, nur um mal alleine zusammen zu sein, gehen die doch tatsächlich vor den OP.

Ich ängstigte mich vor der Nacht. Ich hatte Angst vor meiner Angst, wieder mal Angst und trotzdem schlief ich nachdem ich mit meinen Eltern sprach gleich ein.  

   

                                                

 

 

                                           

 

Advertisements

Eine Antwort

  1. Mon

    Hallo Elke,
    heute morgen habe ich diesen Bericht gelesen. "Ich wünsche dir alles Gute!" Nein das möchte ich eigentlich nicht schreiben, das klingt so banal, denn ich weiß wie du dich fühlst. Deine Angst ist mir nicht fremd, – diese Angst, die ruhelos macht und dich nicht schlafen lässt. Gute Ratschläge, – die möchte ich dir nicht geben. Denn jeder Mensch ist anders, was für mich gut war, würde dir vielleicht nichts bringen. Auch kenn ich nicht den entgültigen Befund.
     
    Doch etwas möchte ich dir doch sagen: "Mach alles was dir gut tut. Sei wütend, sei traurig, weine, wenn dir danach ist, lache deine Tränen fort, mach alles was deine Seele streichelt, denn das stärkt dein Immunsystem, und genau das brauchst du in Zukunft."
     
    Liebe Elke, lass die Schatten hinter dir, schau nach vorn und lebe.
    Herzlich Monré
     
     
     

    2. August 2006 um 18:00

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s