Tränen und Glück finden sich in der Stille…

Vil süeziu senftiu tôterinne

 
 
 
  
 
Vil süeziu senftiu tôterinne,
warumbe welt ir tôten mir den lîp,
und ich iuch sô herzeclîchen minne,
zewâre, frouwe, gar für elliu wîp?
Wênet ir … ob ir mich tôtet,
daz ich iuch danne niemer mê beschouwe?
Nein, iuwer minne hât mich des ernôtet
Daz iuwer sêle ist mîner sêle frouwe.
Sol mir hie niht guot geschên
Von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjên
daz si iuwerer sêle dienet dort als einem reinen wîbe.

 
 Heinrich von Morungen (um 1200)


 
Sehr süße sanfte Mörderin,
warum wollen Sie mir mein Leben nehmen,
wenn ich Sie doch so aus ganzem Herzen liebe,
meine Dame, wahrhaftig, mehr als alle anderen Frauen?
Glauben Sie …, wenn Sie mich umbringen,
dass ich Sie dann niemals mehr ansehen werde?
Nein. Ihre Liebe hat mich dazu gezwungen,
dass Ihre Seele die Herrin meiner Seele ist.
Wenn mir an diesem Ort nichts Gutes widerfahren wird
von Ihrem adeligen Körper,
so kann Ihnen meine Seele doch zusichern,
dass Sie Ihrer Seele dort dienen wird wie einer unschuldigen Frau.

Übersetzung: Martin Schuhmann
 
.
 
Autor und Werk
Heinrich von Morungen ist einer der großen deutschsprachigen Lyriker des hohen Mittelalters. Er lebte um 1200 und stammte möglicherweise aus einer thüringischen Familie des niederen Adels; Gesichertes wissen wir nicht.
Das obige Lied spielt raffinert mit der Nähe und Ferne zur besungenen Dame, mit Gegensätzen zwischen Körper und Seele, Tod und Leben. Das alles läuft darauf hinaus, dass die Dame dem Minne-Dienst des Sängers nicht entgehen kann, sie hat keine Wahl – und so geht es hier nicht eigentlich um die Liebe der Dame, es geht vielmehr um die raffinierte Präsentation der Unausweichlichkeit des Diensts, um rhetorische Brillanz zwischen Anklage und Bitte, um ein literarisches Spiel
.

 

Herzliche Grüße Elke

 

 

Zurück zum Seitenanfang

 

Advertisements

Eine Antwort

  1. Goa

    Vielen Dank für die Übersetzung! Habe diese Worte schon einmal gesandt bekommen… und konnte so recht nichts damit anfangen (zumal die Autorenangabe fehlte)
     
    Liebe Grüße!

    3. April 2008 um 13:54

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s