Tränen und Glück finden sich in der Stille…

Das kleine Herzkind

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Das kleine Herzkind.

Herzkind habe ich es genannt, das kleine niedliche Mädchen, dass mir gleich gegenüber wohnte und immer lächelte. Ein Lächeln das ansteckte, dem man nicht wiederstehen konnte. Jeden Morgen sah ich es aus dem Haus gehen in Richtung Bushaltestelle. Dort lehnte es sich gegen den Laternenpfahl, singend und froh gelaunt. Man konnte einfach nicht weg sehen. Eigentlich hieß sie Melanie, aber irgendwie fand ich dass der Name nicht zu ihr passen würde und so gab ich ihr bei mir den Namen Herzkind.  Es war jeden Morgen ein Ritual diesem Kind zuzusehen. Meine 2 waren schon lange aus dem Haus, hatten selber Kinder und für mich nur wenig Zeit. Vielleicht hatte ich deshalb die Kleine so ins Herz geschlossen. Einmal, als meine müden Augen nur verschwommen sehen konnten, schob ich die Gardine zur Seite und sie blickte mir direkt in die Augen. Ihr Lächeln schien noch intensiver zu werden als sie mir fröhlich zuwinkte. Mit meinen alten knochigen Händen winkte ich zurück und sah sie gleich wieder hüpfend in Richtung Bushaltestelle verschwinden. Von diesem Tag an, schaute sie jeden Morgen zu meinem Fenster und winkte mir zu. Ich empfand es als ein Geschenk dieses Mädchen jeden Tag als erstes zu sehen. Sie war mein ganz persönlicher Sonnenaufgang.  Erst nachdem sie in den Bus eingestiegen war ging ich zu meinem kleinen Tischchen, welches neben dem Fenster stand und kaute zögerlich an meiner Scheibe Brot, von der ich die Rinde vorher abschneiden musste, damit ich sie essen konnte. Ja das Alter, es machte mir täglich mehr zu schaffen. Ein wenig zittrig nahm ich meine Tasse in die Hand und trank einen  kleinen Schluck des mittlerweile  lauwarmen Kaffees. Heißes konnte ich nicht mehr so gut vertragen, deshalb machte es nichts aus, dass er nicht wärmer war. Nach einer langsam sich dahinziehenden halben Stunde räumte ich mein Frühstückgeschirr ein wenig umständlich ab und spülte es gleich unter fließendem Wasser, weil bei den wenigen Sachen die ich für mein Frühstück oder Mittagessen brauchte, nicht nötig war heißes asser in die Spüle einlaufen zu lassen.  Es war jeden Tag das gleiche Prozedere und deshalb holte ich mir wie immer einen Zettel um aufzuschreiben, was ich an dem Tag erledigen und einkaufen musste. Es war immer das gleiche außer zum Wochenende. Samstags musste ich für 2 Tage einkaufen und nicht nur Lebensmittel, sondern auch Reinigungsmittel, Seife, Zahnpasta, eine Creme für meine empfindliche Haut und was man sonst so alles brauchte.  Wie oft war es mir schon passiert, dass ich in dem kleinen Supermarkt stand und meinen Einkaufszettel zu hause hatte liegen lassen, so dass ich nicht mehr wusste was ich einkaufen wollte. Das verwirrte mich, machte mich unsicher flößte mir Angst ein. Das waren die Zeiten in denen ich mir überlegte, ob ich nicht doch mein kleines Häuschen verkaufen und in ein Altenheim gehen sollte. Doch verwarf ich den Gedanken immer wieder. Ich wollte einfach nicht an das Sterben denken und das würde ich in einem Altenheim ganz sicher. Täglich mit den anderen alten Leuten umzugehen, ihre Wehwehchen anhören zu müssen, oder wie goldig doch ihre Enkelchen seien, nein das lag mir nicht, das wollte ich nicht. Nein, auch wenn ich bereits 84 Jahre alt war und hier und da einige Beschwerden hatte, so konnte ich doch noch gut für mich selber sorgen. Ich kaufte nur ganz wenige Sachen, weil ich nicht viel tragen konnte und außerdem kam ich so jeden Tag an die frische Luft. Zu  Hause angekommen räumte ich das Eingekaufte in die verschiedenen Schränke und machte mich nach einer kurzen Erholungspause an die Hausarbeit. Es brauchte einiges an Überwindung damit anzufangen, weil ich genau wusste, dass ich dadurch Rückenschmerzen bekam. Stechende Schmerzen die sich vom Steißbein bis in die Nackenmuskulatur ausbreiteten und mich manchmal fast in den Wahnsinn trieben, aber sie gingen immer wieder vorbei, wenn ich mit der Hausarbeit fertig war. Tabletten die der Arzt mir verschrieben hatte nahm ich nicht, weil sie mich so müde und anteilslos machten. Ich hatte das mal in einer Fernsehsendung gesehen, wie sie in einem Altenheim, den unbequemeren alten, manchmal Geistig etwas schwächeren Menschen Tabletten gaben und diese nur noch wie in Trance durch die Welt liefen. Davor hatte ich Angst. Das Telefon läutete und ich schrak wie jedesmal heftig zusammen, dachte immer das gleiche; ‚wer kann das denn sein‘. Als wenn es so viele Menschen gäbe die mich anrufen würden ich musste über mich selber lächeln und schüttelte den Kopf. Entweder war es eine Freundin, die ich jetzt auch schon 5 Jahre nicht mehr gesehen hatte, weil weder sie noch ich in der Lage waren uns zu besuchen, oder die Arztpraxis, die mich an meinen Termin erinnern wollten. Meine Kinder riefen mich nur sonntags an. Jeden Sonntag abwechselnd. Einmal  meine Tochter und die Woche darauf mein Sohn und nie hatten sie viel Zeit. Fast automatisch ging mein Blick zur Uhr. Es konnte eigentlich nur meine Freundin sein. Natürlich war sie es und klagte mir wie immer ihr Leid. Sie wohnte in einem Seniorenwohnhaus weil sie alleine nicht zurecht kam und ihre Kinder waren alle ins Ausland gezogen. Immer waren es die gleichen Worte die wir miteinander wechselten. Was sollten wir auch sonst berichten wir erlebten ja nichts. Langsam wurde ich ungeduldig, denn es war schon halb eins und kurz vor eins kam mein Herzkind mit dem Bus von der Schule zurück und würde sicher wieder in meine Richtung winken. Heute wollte Miranda einfach nicht zum Schluss kommen, erzählte mir irgendetwas von einer Mitbewohnerin und das es Ärger gegeben hätte und, und, und. Endlich legte sie auf, weil sie ihr Essen gebracht bekam, doch für mich war es zu spät – der Bus war längst wieder weg und mein Herzkind im Haus. Schade. Ich bereitete mir wiederwillig mein Essen zu – Hunger verspürte ich schon lange nicht mehr. Ich aß nur weil es halt zum Leben gehörte und mein Arzt mir jedesmal sagte, dass ich es tun müsse um nicht in ein Pflegeheim zu kommen, weil ich zu schwach würde.. Nach dem Essen legte ich mich ein wenig hin, das tat ich jeden Tag, damit ich am Abend noch Fernseh schauen konnte, aber heute ging es mir auch nicht so besonders gut. Mein Herz machte mir zu schaffen und übel war mir auch ein wenig. Irgendwann schlief ich  ein und erwachte erst in der Nacht durch heftige Schmerzen im Brustbereich, das Atmen fiel mir schwer und mein Arm schmerzte noch schlimmer als am Mittag. Ich bekam Panik, Angstschweiß lief mir die Stirn hinab, aber ich konnte nicht aufstehen, konnte nicht mal zum Telefon greifen, weil ich es in der Küche hatte liegen lassen. Normaler Weise nahm ich es jeden Abend mit ins Wohnzimmer und wenn ich das Fernsehgerät ausschaltete mit ins Schlafzimmer, damit ich im Notfalle gleich den Hörer nehmen und Hilfe holen könnte. Die wichtigsten Nummern hatte mein Sohn mir gespeichert. Der Schmerz war kaum mehr auszuhalten, die Brust so eng ich glaubte ersticken zu müssen, dann merkte ich nichts mehr. Es  war wohl eine erlösende Ohnmacht. Als ich die Augen wieder aufschlug sah ich über mir das lächelnde Gesichtchen meines Herzkindes, dass mir mit seinen kleinen Händchen über die Wangen strich. Neben ihr standen mein Sohn und meine Tochter mit besorgten Gesichtern, eine Schwester fühlte meinen Puls. Viele Schläuche gingen von meinem Körper zu unzähligen Geräten. Ich hatte einen Herzinfarkt überlebt. Später erfuhr ich, wodurch ich gerettet wurde. Das kleine Mädchen hatte ihren Eltern morgens gesagt, dass bestimmt etwas passiert sei bei der Frau gegenüber in dem Haus. Sie erzählte ihnen dass wir uns Nachmittags und Morgens immer zuwinkten und ich den Tag zuvor nicht am Fenster war und heute früh auch nicht. Daraufhin klingelte die Mutter bei mir. Hörte mich stöhnen und weil sie nicht geöffnet bekam rief sie den Rettungswagen. Ohne mein Herzkind wäre ich an diesem Herzinfarkt gestorben. Meine Tochter bestand darauf, dass ich zu ihr und ihrer Familie ziehen sollte. Aber jeden 1. Sonntag im Monat bekomme ich Besuch von meinem Herzkind.

© Elke/E.L.2008

 

Herzliche Grüße Elke

 

 

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2 Antworten

  1. Andrea

    eine schöne Geschichte, gefällt mir

    10. April 2008 um 11:03

  2. Monika

    Die gefällt mir die Geschichte

    10. April 2008 um 06:14

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