Tränen und Glück finden sich in der Stille…

„lameir“ Auszug aus Tristan (mit Übersetzung)

 

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Gottfried von Straßburg
Auszug aus Tristan (Verse 11964 – 11996): „lameir“

 

„war umbe“ sprach er „schoene Îsôt?
waz wirret iu? waz wizzet ir?“
„swaz ich weiz, daz wirret mir.
swaz ich sihe, daz tuot mir wê.
mich müejet himel unde sê.
lîp unde leben daz swaeret mich.“
si stiurte unde leinde sich
mit ir ellebogen an in.
daz was der belde ein begin.
ir spiegelliehten ougen
diu volleten tougen.
ir begunde ir herze quellen,
ir süezer munt ûf swellen,
ir houbet daz wac allez nider.
ir vriunt begunde ouch sî dar wider
mit armen umbevâhen,
ze verre noch ze nâhen,
niwan in gastes wîse.
er sprach suoze unde lîse:
„ei schoene süeze, saget mir:
waz wirret iu, waz claget ir?“
Der Minnen vederspil Îsôt,
„lameir“ sprach sî „daz ist mîn nôt,
lameir daz swaeret mir den muot,
lameir ist, daz mir leide tuot.“
dô sî lameir sô dicke sprach,
er bedâhte unde besach
anclîchen unde cleine
des selben wortes meine.
sus begunde er sich versinnen,
l’ameir daz waere minnen,
l’ameir bitter, la meir mer.
der meine der dûhte in ein her.
 
 
 
Übersetzung:
 
„Was ist“, sagte Tristan, „schöne Isolde?,
was schmerzt Sie, was haben Sie erfahren?“
„Alles, was ich erfahren habe, das schmerzt mich,
alles, was ich sehe, das tut mir weh.
Mich schmerzt der Himmel und das Meer,
Leib und Leben, das beschwert mich.“
Sie rückte an ihn heran und lehnte sich
mit ihrem Ellenbogen an ihn.
Damit begann das Mutspiel.
Ihre spiegelhellen Augen,
die füllten sich heimlich.
Ihr begann ihr Herz aufzugehen,
ihre lieblichen Lippen wurden voll,
ihr Kopf, der sank ganz herab.
Ihr Vertrauter, der begann da wiederum,
sie mit den Armen zu umfassen,
weder zu weit noch zu eng,
ganz so, wie es ein Fremder tut.
Er sagte lieblich und leise:
„Ach, schöne Liebliche, sagen Sie mir:
Was schmerzt Sie, was klagen Sie?“
Isolde, der Falke der Liebe:
„lameir“, sagte sie, „das ist meine Not,
lameir, das beschwert mein Gemüt,
lameir ist es, das mir Leid zufügt.“
Als sie so oft lameir sagte,
da überdachte und betrachtete er
genau und bis ins Kleinste
die Bedeutungen dieses Worts.
So fing er an zu erkennen:
l’ameir, das wäre die Liebe,
l’ameir [meint auch] bitter, la meir das Meer.
Die Bedeutungen, die erschienen ihm so viele wie ein ganzes Heer.

 

Herzliche Grüße Elke

 

Der Text folgt der digitalen Fassung der Biblioteca Augustana, die wiederum auf der
Reclam-Ausgabe von Rüdiger Krohn beruht (mit Übersetzung und Kommentar);
Übersetzung: Martin Schuhmann
 
Autor und Werk
Oben lesen Sie eigentlich kein Gedicht, sondern einen Auszug aus einem Roman – aber der Roman
ist auf seine Art fast ein Gedicht. Nicht nur deswegen ist der Tristan, geschrieben um 1210
von einem hoch gebildeten Gottfried aus Straßburg, eines der bedeutendsten Werke der
Literaturgeschichte. Gottfried erzählt eine Ehebruchsgeschichte: Tristan wirbt mit List für
seinen Onkel um die gemeinsame Todfeindin Isolde. Als er die Braut zu ihrem Bräutigam bringen
will, trinken Sie auf dem Schiff versehentlich einen Liebestrank, der sie für immer aneinander
schweißen und sie zu vielen Listen und Betrügereien zwingen wird. Aber zuerst müssen sich die
beiden Feinde ihre Liebe gestehen, und das erzählt die obige Stelle: Wie Isolde Tristan mit
einem Wortspiel von Ihrer Liebe erzählt – das altfranzösische lameir kann „Liebe“, „Bitterkeit“
oder „Meer“ bedeuten.
Dass Gottfried Isolde nicht direkt von der Liebe sprechen lässt, sagt viel über den Roman aus,
der immer auch mit Sprache spielt und mit dem, was man verstehen kann. Im Tristan spielt die
Art, wie etwas gesagt wird, mindestens so eine große Rolle wie das, was gesagt wird.

 

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