Tränen und Glück finden sich in der Stille…

In den letzten Tagen… (KtgB)

 
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In den letzten Tagen durchlebe ich wieder einmal die Zeit meiner Chemotherapie, was soviel heißt, dass mein Hals dick angeschwollen ist, mein Mundinnenraum entzündet – jeder Biss, jeder Schluck brennt auf der Zunge, im Rachen. Mir ist es kalt und mein Körper schmerzt, jedes einzelne Glied. Starkes Zittern und das Zucken meiner Hände und Arme sind wieder aufgetreten, so dass ich kaum etwas anfassen – tun kann. Es kostet mich enorme Kraft, zu schreiben, weil ich jede Taste der Tastatur erst anpeilen muss. Im Normalfall schreibe ich Zehnfinger Blindsystem, aber das kann ich im Moment vergessen. Bei jedem Satz zucken meine Finger so heftig, das ich die Taste mit dem richtigen Buchstaben nicht immer treffe, Worte lösche und neu schreiben muss. Die Muskeln der Arme und Beine krampfen sich zusammen, ein nicht zu beschreibender Schmerz, der meinen Körper überkommt wie ein elektrischer Schlag. Nur kurz, aber umso heftiger und er zieht noch nach der Verkrampfung durch meinen ganzen Körper. Die Schmerzen meines Bauchbereiches, an die ich mich mittlerweile gewöhnt habe sind stärker geworden, Essen widert mich an, mein Kopf dröhnt als säße ich in einem startenden Flugzeug. Entsprechend reagiert meine Psyche – es tritt wieder die Angst auf, diesmal könnte es so bleiben.

Meine Gedanken drehen sich um den Sinn des Lebens, fragen ob es gut ist um jeden Preis am Leben bleiben zu wollen, wenn ich meine lebensnotwendigen Medikamente kaum schlucken kann. Arzttermine muss ich absagen, verlegen auf einen späteren Zeitpunkt, denn ich kann in solchen Momenten kaum 5 Schritte laufen, die Treppe wird zu einem fast unüberwindlichen Problem, weil ich wenn ich auf die Stufen sehe ein starkes Schwindelgefühl bekomme, mein Kreislauf versagt meine Beine scheinen mich im Stich zu lassen. Wie ein ängstliches Kind umklammere ich den Handlauf mit beiden Händen, setze langsam einen Fuß vor den anderen um nach der 5. Stufe wieder zurück zu gehen und mich kraftlos auf mein Sofa fallen zu lassen. Entmutigt und tief im Innersten verletzt, wieder gesundheitlich so einen Rückschlag einstecken zu müssen. Ich mag es nicht, wenn meine Familie mitbekommt wie schlecht es mir geht und so nehme ich eine Beruhigungstablette und schließe die Tür hinter mir, bis die Wirkung der Tablette einsetzt. Diese immer wieder einsetzenden Zustände seit meiner Chemotherapie machen mir Angst. In dieser Stärke ist es jetzt das 3. Mal und kein Arzt kann mir sagen, ob sie jemals aufhören werden oder ob sie bis zu meinem Tod immer mal wieder so geballt auftreten. Ich will nicht weinen, aber die Tränen kommen und ich merke den salzigen Geschmack, wenn sie meine Mundwinkel erreichen, – ja dann erst realisiere ich das ich weine…

Traurigkeit überkommt mich, macht mich für das schöne im Leben blind, lässt mich an dem Sinn des Lebens um jeden Preis zweifeln. Wie gerne würde ich in solchen Momenten meine Empfindungen festhalten, schriftlich oder durch das Malen eines Bildes, aber es geht nicht. Meine Gedanken drehen sich in meinem Kopf immer und immer wieder und können sich keinen Weg nach draußen bahnen, sind gefangen in mir. Mein Versuch sie für mich zu ordnen zu analysieren sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn ich kann sie nicht wirklich zuordnen. Sie sind widersprüchlich, geben keinen Sinn. Mein Gehirn wird mit Informationen zugeschüttet, doch ich kann sie in solchen Phasen nicht ordnen nicht wirklich aufnehmen und verarbeiten. Manchmal denke ich, dass in solchen Momenten mein Denkvermögen und die Umsetzung der Gedanken auf die Stufe eines Kleinkindes zurück gesetzt sind. Worte die ich sonst ständig gebrauche fallen mir nicht mehr ein, was ich besonders stark bemerke, wenn ich ein Telefonat führen muss. Allerdings sind es ganz normale, einfache Worte mit denen ich Schwierigkeiten habe und nicht wie während und gleich nach meiner Chemotherapie mit eingedeutschten (Fremd) Worten.

Diese mich irritierende Phase hält jetzt bereits 3 Wochen an und ich werde mit jedem Tag nervöser, ängstlicher – befürchte es regeneriert sich dieses Mal nicht mehr. Obwohl ich in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht habe, dass es sich nach einigen Tagen wieder bessert, überkommen mich die Zweifel wie eine Bedrohung. Mein Selbstwertgefühl sinkt bei jedem Vorhaben das ich nicht umsetzen kann, macht mich seelisch krank, versetzt mich in eine Depression. Ich will diesen Zustand nicht und kämpfe gegen ihn an und das zehrt an meinen Kräften, macht mich müde und kraftlos.

Ich habe mir in den letzten Jahren angeeignet mit jeglichen Situationen positiv umzugehen und das gelingt mir auch überwiegend gut, aber manchmal denke ich auch daran aufzugeben, einfach nicht mehr zu kämpfen sondern alles geschehen zu lassen und abzuwarten bis diese Phase vorbei geht. Das würde sicher auch gehen, aber das wäre nicht ich – ich brauche das Hinterfragen, die Auseinandersetzung mit mir selber, mit meinen Gedanken. Es macht mich stärker und das ist gut für mich, es gibt mir das Gefühl ein Stück weit mitzubestimmen und ich meine dadurch die Phase abzukürzen. In wie weit das wirklich zutrifft kann ich nicht sagen, weil ich es noch nie anders versucht habe, es geht einfach nicht, dass ich nur dasitze und darauf warte, dass es von selber vorbei geht – dafür bin ich kein Mensch.

Ich glaube jeder Mensch ist ein Stück Mitverantwortlich für sein Leben und das kann nicht gehen in dem man abwartet und andere tun und machen lässt, ihnen die Verantwortung für sein Leben zuschiebt um einen Schuldigen zu haben, wenn es nicht so klappt wie man es haben möchte.

Sich mit seinem Schicksal auseinander zu setzen ist eine schwierige und meist schmerzhafte Aufgabe, aber es hilft unsere Seele vor irreparablen Schäden zu bewahren, sie vor tiefen Wunden, die Narben hinterlassen würden, zu schützen.

Auch das Weinen gehört dazu, man muss es zulassen, darf sich der Tränen nicht schämen, dazu gibt es keinen Grund. Tränen reinigen die Gedanken, aber vor allen Dingen die Seele – befreien sie und geben ihnen wieder neue Luft zum Atmen. Wobei ich aber nicht an Tränen des Selbstmitleids denke, nein die würden mich nur runterziehen, würden meine Situation erschweren.

Selbstmitleid ist kein guter Arzt, man vergisst darüber wie gut es einem trotz allen Beschwerden geht. Ich selbst bezeichne mich als einen glücklichen Menschen, denn ich habe den Willen, die Möglichkeit und die Kraft, mein Leben in die richtige Bahn zu lenken und mir so Stückchen für Stückchen meine Lebensqualität zurück zu erarbeiten. Es ist ein schwieriger und langer Weg, aber kein unmöglicher solange ich selber daran glaube und mitarbeite.

© by Elke/E.L.2008

 

Herzliche Grüße Elke

 

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8 Antworten

  1. Elke

    Danke liebe Andrea,
    es stimmt früher oder später teufel ich wie früher herum. Pläne habe ich
    auch schon 1. mein Buch beenden und veröffentlichen, 2. meine Initiative
    weiter ausbauen und 3. endlich mal wieder in Urlaub fahren. Mir schwebt
    eine Kreuzfahrt vor, die mein Mann absolut ablehnt :-) aber ich habe
    schon mit meiner Freundin darüber gesprochen, also dem würde nichts im
    Wege stehen. Es gibt aber noch viel mehr Sachen, die ich noch gerne
    machen wollte, na mal schauen…

    27. August 2008 um 22:11

  2. Andrea

    Liebe Elke, ich bewundere Dich aus tiefstem Herzen für Deine Kraft. Aber auch dafür, daß Du bei all dem was Du erlebst nie vergessen hast, daß auch andere Menschen leiden, und solche Dinge wie Dein Notruftelefon und dieses Tagebuch ins Leben gerufen hast. 
     
    Du bist aber auch sehr klug, gibst Du Dich doch nicht dem Selbstmitleid hin, und versuchst trotz aller Qualen das Beste aus Deinem Leben zu machen.
     
    Daß ich überzeugt bin, daß Du es schafft, muß ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Aber ich bin gespannt, was Du mit Deiner Energie und Deinem Wissen beginnst, wenn Du wieder gesund bist. Es wird mit Sicherheit wieder etwas Außergewöhliiches sein.
     
    Ich wünsche Dir, daß dich Deine Kraft nie verläßt, und daß Du die glückliche Frau bleibst, die Du heute bist.
     
    Andrea 

    27. August 2008 um 19:33

  3. Elke

    Danke lieber Peter,
    Du kennst mich schon sehr gut. Es stimmt, eine Elke
    gibt nie auf… weil es einfach lohnt weiter zu machen.
    Das Leben ist einfach trotz mancher Wehwehchen zu
    wertvoll um es einfach weg zu werfen. Ich liebe das
    Leben und ich lebe gern – bin ein glücklicher Mensch,
    der später noch Zeit hat um von dieser Welt zu gehen…
    LG Elke

    27. August 2008 um 00:26

  4. Peter

    EINE ELKE GIBT NICHT AUF!SONST WÄRE ELKE NICHT ELKE!DU SCHAFFST ES ELKE ICH WEISS DAS!
     
    LIEBE GRÜSSE PETER

    26. August 2008 um 18:03

  5. Elke

    Hallo Pusteblume,
    jetzt muss ich langsam aber sicher meinen Eintrag mal überdenken. Irgendwie wird er anders aufgefasst als ich es empfinde. Es ist jetzt seit knapp 2 Jahren das 3. mal das es mir so, wie soll ich sagen, weniger gut geht. Also normaler weise nichts um darüber zu schreiben, wenn ich nicht ein KtgB führen würde. Ich zieh mich nicht zurück und ich gebe auch nicht auf, das ist so zu verstehen, dass ich manchmal überlege ich könnte ja auch abwarten bis es mir wieder besser geht und gut iss, aber ich bin nicht der mensch für so eine Abwartehaltung, ich werde immer etwas dagegen tun. Ich will nur die Gedanken mitteilen, damit andere Neubetroffene wissen, dass es auch nach der OP noch Höhen und Tiefen der Gefühle gibt. Das ist aber doch normal – es gehört einfach zum Leben ob krank oder gesund! Das durchlebt jeder Mensch des öfteren in seinem Leben es zeigt mir nur, dass ich nicht aners geworden bin. Ich habe auch nicht einmal ernsthaft gefragt warum ausgerechnet ich, im Gegenteil, wenn meine Freundin sowas zu mir gesagt hat habe ich geantwortet wieso augerechnet ich nicht. Krankheiten in jeder Form sind zunehmend und sie gehören zum Leben, nur ich gönne mir den Luxus darüer zu schreiben, wobei ich manche Stimmungen nicht auslassen darf. Also bitte nicht mehr Sorgen machen um mich als ich es selber tue…
    HG Elke

    26. August 2008 um 14:05

  6. Elke

    Liebe Lis,
    danke für Deinen Kommentar und Deine lieben Wünsche, aber ich ziehe mich ja nicht wirklich zurück beziehungsweise höchstens wenn es mir mal ganz schlecht geht, das ist wenn ich mich überfordere und merke es geht nicht. Wenn ich sage, dass ich die Tür hinter mir schließe ist das mehr symbolisch gemeint. Ich warte ab bis die Tablette wirkt, aber meine Wohnzimmertür bleibt offen. Ich mache es auch wenn ich ehrlich bin, eher für mich, denn ich bin kein Mensch, der sich unbedingt so unters Volk mischen will. Aber das passiert mir auch mehr als selten. In den letzten Wochen einmal, als ich einen Arzttermin wahrnehmen wollte. Ich erfahre sehr viel Liebe und Zuneigung in meiner Famiie und bei meinen Freunden, aber manchmal muss ich alleine sein um meine Gedanken ordnen zu können. Das allerdings habe ich auch schon gehabt als ich noch gesund war. Den Freiraum brauche ich, auch jetzt noch, denn ich habe immer zuviele Menschen um mich Familie, Freunde meiner Kinder. Es schnürt mich manchmal ein dieses umhegt sein, dieses mir jeden Handgriff abnehmen. Ich bin auch gegen Tabletten bezw. Medizin und nehme so was nur im äußersten Notfall, dann geht es mir aber so schlecht, das ich froh bin wenn ich alleine sein kann bis die Wirkung anfängt. Also keine Sorgen machen… ich stehe noch mitten im Leben nur das ich nicht vor die Tür gehen kann ohne, dass dort ein Auto steht, dass mich dahin bringt, wo ich hin muss… HG Elke

    26. August 2008 um 13:46

  7. - Pusteblume

    Liebste Elke,
    bitte gib dich nicht auf. Kämpfe, so wie du es immer getan hast. Laß mal den Computer Computer sein und wende dich deinen liebsten Menschen zu. Vertraue dich ihnen an, sie werden dich trösten und mit dir fühlen. Das macht wieder Mut, um weiter zu LEBEN. Ich weiß nicht wie alt du bist oder ob du Kinder hast, aber unabhängig davon, lohnt es sich immer, weiter zu LEBEN. Für deine Ideale, für deine Träume und Wünsche. Du schaffst das, glaube mir. Denn du BIST eine Kämpferin….so habe ich dich auf deinem Space kennen gelernt. Und ich bewundere dich dafür………
                                          Nicht vor der Zeit schon sollst du aufgeben….
                                          …du schuldest deinen Träumen noch das Leben
     
    …ich denke an dich …..Pusteblume
     

    26. August 2008 um 13:41

  8. lis

    Liebe Elke
    bitte verschließe Dich nicht vor der Familie. Sei offen und zeige Ihnen auch Deinen Schmerz es wird für Dich leichter wenn du nicht alles alleine tragen musst. Es sind schlimme Zeiten die Du jetzt durchmachst, aber bitte gib Dich niemals auf, sonst schaffst Du es nicht. Sei stark, stehe es durch, es kommen auch ganz bestimmt wieder bessere Zeiten. Aber teile den Schmerz mit Deiner Familie. Es ist wichtig, ich weiß wovon ich spreche es kommt mir alles bekannt vor.
    Du schaffst es! Aber der Computer ist halt kein Mensch. Man kann sich zwar mitteilen, aber was Du jetzt brauchst ist einenen Menschen der auch mal Deine Hand nimmt und sagt" ICH BINN FÜR DICH DA". Meiner Freundin hat das immer sehr viel bedeutet.
    Wünsche Dir zum durchhalten ganz viel Kraft! Mit meinem Herzen  bei Dir Lis

    26. August 2008 um 12:01

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