Tränen und Glück finden sich in der Stille…

RAF – Meine Geschichte 1…

 
 

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Heute will ich mit den Einstellungen von Euren die RAF (Baader-Meinhof Gruppe) betreffenden Erlebnisse, Meinungen usw. beginnen.

Leider haben sich bis jetzt nicht sehr viele gemeldet um Ihre Eindrücke oder auch Gedichte, Bilder mit Texten oder ähnliches hier zur Verfügung stellen zu wollen. Das ist eigentlich sehr traurig, denn normale Berichterstattungen über die damalige Zeit gibt es zur Genüge. Na vielleicht kommt ja noch etwas hinzu, ich würde mich freuen!

Dann mache ich heute mal den Anfang mit einer kurzen Begebenheit die ich damals als Jugendliche erlebte.

Ich lebte zu der Zeit noch bei meinen Eltern in einem sehr schönen, zur damaligen Zeit etwas ländlichen, Vorort von Köln. Wir hatten es uns zur Tradition gemacht, freitags, wenn die Arbeits- bzw. Schulwoche erfolgreich beendet war das Wochenende mit einem Treffen in einer Gaststätte ein zu läuten. Wir, waren meine Eltern, meine Schwester und ich mit unseren Freunden. Die Inhaber der Gaststätte, uns „Ännchen“  und uns „Hänsjen“ waren nicht nur sehr gute Freunde meiner Eltern sondern Ännchen war zu dem noch die Schwester des Boxers, Peter Müller (Müllers Aap).  Ich weiß nicht ob und wie viel es dazu beitrug, auf jeden Fall war das Lokal immer voll besetzt und es herrschte ein tolle Stimmung. Wir brauchten nicht auf Karneval oder sonstiges warten, wenn wir tanzen wollten wurden kurzer Hand die Tische zusammen gerückt und los ging es. Ich habe nicht einmal erlebt, dass es dort zu Auseinandersetzungen gekommen wäre, wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und sicher, dass uns dort niemals etwas ungutes geschehen könnte.

Es war die Zeit, wo die Baader-Meinhof  Gruppe sehr aktiv war. Immer wieder berichteten die Medien von den schrecklichen Taten der RAF. Als sie mit ihren Protesten in Berlin gegen den Schahbesuch die ersten Schlagzeilen machten, waren sie noch Vorbilder für mich. Ja sie lehnten sich gegen die Ungerechtigkeit des Staates auf, wollten die Machenschaften der Amerikaner nicht mehr unterstützt sehen durch unsere Politik, wollten das es allen Menschen gleich gut gehe – also vom Ursprung her für mich total nachvollziehbar und anerkennenswert. Doch bald gerieten ihre Aktionen immer mehr aus dem Ruder. Sie hatten sich auch für mein Verständnis zu Kriminellen und Mördern entwickelt und vielen Menschen Tod und Elend gebracht und ich hatte nur noch Verachtung für sie übrig und eine ganz gehörige Wut im Bauch, weil sie eine anfänglich eigentlich „Gute Sache“  so kriminalisiert und in den Dreck gezogen hatten.

Nun das alles vergaßen wir in den wenigen Stunden des Freitagabends und freuten uns unseres Lebens bei ausgelassener, fröhlicher Stimmung. Am Flipper musste man anstehen, damit man überhaupt mal dazu kam ein Spielchen machen zu können. Die Musikbox stand nicht eine Sekunde still und natürlich waren bei uns die Thekenspielchen angesagt; Skat und Knobeln an erster Stelle. Rasselte mal der Geldspielautomat und spuckte einen Gewinn aus, gab es traditionsmäßig eine Thekenrunde, wobei der Gewinner zum Schluss der lachende Verlierer war, weil er noch zuzahlen musste.

In dieser ausgelassenen Stimmung befanden wir uns auch als plötzlich von draußen Schreie zu hören waren, laut und durchdringend ein wenig blechern, weil sie über Megaphone gebrüllt wurden. In diesem Moment waren wir alle irgendwie erstarrt und ehe wir begriffen was los war wurde die Tür aufgetreten ca. 15 bis obenhin vermummte Einsatzkräfte bewaffnet mit Maschinenpistolen stürmten in das Lokal, stürzten sich auf junge Frauen und Männer, drehten ihnen teilweise die Arme mit so viel Gewalt auf die Schulter, das sie Schmerzensschreie ausstießen. Ännchen packte meine Schwester, mich und noch einige junge Leute und schob uns in die Küche damit wir aus der Gefahrenzone herauskamen. Alle jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren wurden behandelt wie Schwerverbrecher. Ein junger Mann der sich erdreistete zu Fragen was denn los sei, bekam gleich ein Gewehr in den Magen gerammt und krümmte sich auf dem Boden, aber die „Angreifer“ interessierte das nicht. Anderen die nicht gleich zur Seite sprangen bekamen die Schutzschilder ins Gesicht geschlagen. Mittlerweile kamen denn auch zwei dieser Truppe in die Küche und zogen uns an den Haaren wieder zurück ins Lokal, drängten uns in eine Ecke und einer richtete eine Pistole auf uns mit den Worten: „Und wehe einer von Euch atmet auch nur“. Meine Knie waren weich, ich zitterte am ganzen Leib und weinte bitterlich. Ich hatte ganz einfach nur Angst. Meine Eltern, die zu uns wollten wurden mit Gewalt zurückgedrängt. Am Ende des Raums befanden sich die Toilettenräume. Die Türen wurden nicht etwa aufgemacht, sie wurden eingetreten so dass sie teilweise zersplitterten. Das ganze war „Krieg pur“! Ännchen schüttelte nur immer wieder den Kopf doch dann besann sie sich und rief bei der Polizei an mehr konnte sie nicht machen um ihre Gäste zu schützen.

Wir wussten doch alle nicht wer diese Truppe war, sie klärten uns weder auf noch fragten sie nach unseren Ausweisen sie gingen einfach nur mit einer unerklärlichen Brutalität vor. Nach zehn Minuten hörten wir die Polizeisirenen und atmeten ein wenig auf, obwohl wir auch Angst hatten, dass es jetzt vielleicht zu einer Schießerei zwischen der Polizei und der Truppe kommen würden und wir alle dazwischen standen. Gott sei Dank geschah das nicht. So wie die ersten Polizisten das Lokal betraten gingen zwei von der Truppe auf sie zu und sie unterhielten sich während sie nach draußen gingen. Nach 5 Minuten war das ärgste dann für uns vorbei. Die Truppe wurde abgezogen und alle verließen genau so schnell das Lokal wie sie herein geprescht waren. Zwei dieser Männer blieben noch, zogen ihre schweren Helme aus und baten die Wirtin in ihre Küche. Wiederum nur Minuten später war dann alles wieder ruhig. In diesem Moment haben einige es wohl erst registriert was geschehen war. Eine ältere Frau brach zusammen, zwei jüngere bekamen einen Weinkrampf.

Wir standen immer noch zitternd in unserer Ecke in die wir zuvor gedrängt wurden, nicht fähig uns zu rühren. Langsam durch die Sirenen von Rettungswagen in die Realität zurück geholt halfen wir den Verletzten, hoben umgefallene Tische und Stühle auf. Einige bewaffnet mit Handfeger und Kehrblech fegten die Glasscherben zusammen die über die ganze Erde verteilt herumlagen. Hingen die zersplitterten Toilettentüren aus, damit sich wenigstens hier dran keiner mehr verletzen konnte. Fazit 6 Personen mussten in die Klinik. Sie hatten ausgekugelte Armgelenke, Platzwunden am Kopf und wahnsinnige Schmerzen im Leib durch die Schläge der Truppe, die sie mit ihren Gewehren attackiert hatten. Wie Ännchen uns dann, als sich alles wieder ein wenig normalisiert hatte erzählte, war, das die zwei Männer in der Küche ihr nur gesagt hätten; da haben sie aber Glück gehabt, denn wir haben den Hinweis bekommen dass sich hier zwei Terroristen aufhalten sollten. Nichts für ungut, jetzt hat es sich ja aufgelöst.

Dieser Vorfall wurde weder Publik gemacht, noch bekamen die geschädigten Personen ein Schmerzensgeld oder die Wirtsleute ihren Schaden ersetzt.

Es hat lange gedauert, ehe wir wieder so unbeschwert wie vorher unseren Freitagabend genießen konnten. Uns selbst heute noch zucke ich bei verschiedenen  Geräuschen in Gastätten, Restaurants oder größeren Räumlichkeiten, in dem sich viele Menschen aufhalten, zusammen.

Morgen RAF – Meine Geschichte 2… von Peter 

 

Herzliche Grüße Elke

 

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3 Antworten

  1. Göre

    bohhhhh ,ich habe gerade richtig mit gelitten und ich finde es sehr schlimm was ihr erleben mußtest .
    so etwas wird und kann man nie vergessen .
     
     

    28. Oktober 2008 um 23:24

  2. Ursa M.

    Guten morgen elke, Wahnsinn was da alles vorsich gegangen ist. Ich kenne auch nur was in den Medien stand. So nah wie Peter und Du habe ich gott sei Dank keine Erlebnisse zu berichten. Aber wenn ich deinen Bericht hier lese, dann habe ich wieder alles im Kopf.
    So nun muß ich mich sputen und ab zur Arbeit lass Dir einen dicken Kuß da, bis bald Ursa

    27. Oktober 2008 um 09:37

  3. Peter

    HIER EINEN KOMMENTAR ABZUGEBEN IST SEHR SCHWER! DENN SO ETWAS MUSS MAN ERLEBT HABEN UM SICH DIE GEFÜHLE UND ÄNGSTE DER BETROFFENEN VORZUSTELLEN!

    26. Oktober 2008 um 16:08

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