Tränen und Glück finden sich in der Stille…

Das weiße Taschentuch…

 
 

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Das Copyright des Originals verbleibt beim Künstler, Bild s.u.

 

Folgende Geschichte hat mich sehr berührt, denn ich glaube dass es einigen Menschen so ergeht wenn sie große Fehler begehen. Die Angst die man durchlebt ehe man sich traut geliebten Menschen danach gegenüber zu stehen schnürt einem fast das Herz ab, nimmt uns die Luft, lähmt uns. Aber Menschen die uns lieben, warten auf uns. Möchten uns in die Arme nehmen und das ganz besonders, wenn es die eigenen Eltern sind…

 

 

 

Das weiße Taschentuch

 

Der Mann saß auf dem Gehsteig neben der Bushaltestelle und starrte zu Boden. Ein paar Leute musterten ihn im Vorübergehen neugierig und fragten sich, was das wohl für einer sein möchte, der Landstreicher mit den hängenden Schultern und den durchgelaufenen Schuhen. Er aber bemerkte ihre Blicke gar nicht. Er war ganz in Gedanken versunken. Hier, in dieser Stadt hatte er seine Kindheit verbracht. Vor mehr als zwanzig Jahren war er in einem kleinen roten Ziegelhaus am Ende der nächsten Straße aufgewachsen. Ob es überhaupt noch stand? Vielleicht war es ja inzwischen abgerissen worden! Hoffentlich hatten sie wenigstens die Stiefmütterchen nicht zertrampelt! Komisch, wie gut er sich noch an die Stiefmütterchen erinnerte und an die Schaukel, die ihm sein Vater gebaut hatte, und an den Gartenweg, auf dem er das Fahrradfahren gelernt hatte. Monatelang hatten die Eltern gespart, um ihm das Fahrrad zu kaufen. Zehn Jahre später war aus dem Fahrrad ein Motorrad geworden. Er selbst ließ sich zu Hause immer seltener blicken. Er verdiente gut und hatte eine Menge Freunde. Vater und Mutter erschienen schrecklich altmodisch und langweilig. Da war es in den Kneipen und Discos doch lustiger!

 

Heute erinnerte er sich nicht mehr gern an diese Zeit, vor allem nicht daran, wie ihm die Schulden über den Kopf gewachsen waren, und er an einem Sonntagnachmittag bei den Eltern aufgetaucht war, um sie um Geld zu bitten. Sie hatten sich so über seinen unerwarteten Besuch gefreut, dass er es nicht übers Herz brachte, sie um Geld zu bitten. Doch er wusste genau, wo sein Vater das Portemonnaie aufbewahrte, und als die Eltern dann für einen Augenblick in den Garten gingen, hatte er sich einfach “bedient”.

 

Seither hatte er sie nicht mehr gesehen. Er traute sich nach dem, was er getan hatte, nicht mehr nach Hause; und die Eltern hatten jede Spur von ihm verloren. Er war ins Ausland gegangen, und sie erfuhren nichts von seinem rastlosen Umherziehen und auch nichts von seinem Gefängnisaufenthalt. Doch dort, in seiner Zelle, hatte er viel an sie gedacht. Manchmal, wenn er sich schlaflos auf seiner Pritsche umher wälzte und der Mond unheimliche Figuren auf die Zellenwand malte, wünschte er sich: “Wenn ich erst wieder aus diesem Loch heraus bin, möchte ich sie noch einmal sehen – wenn sie überhaupt noch leben – und wenn sie mich sehen wollen.”

 

Als er seine Strafe abgesessen hatte, fand er in der Großstadt eine Arbeitsstelle; aber Ruhe fand er nicht. Irgendetwas zog ihn heim, eine Sehnsucht, die sich nicht zum Schweigen bringen ließ. Auf Schritt und Tritt wurde er an das kleine rote Backsteinhaus erinnert, an das Beet mit den Stiefmütterchen, an ein Kind auf einer Schaukel, an einen Jungen, der von der Schule nach Hause rannte…

 

Er wollte nicht völlig mittellos daheim ankommen, und so legte er einen großen Teil der Reise zu Fuß oder per Anhalter zurück. Er hätte schon längst da sein können, aber dreißig Kilometer vor dem Ziel waren ihm plötzlich Zweifel gekommen. Was hatte er überhaupt für ein Recht, einfach so bei den Eltern hereinzuspazieren? Würden sie in dem heruntergekommenen Kerl, der er geworden war, überhaupt den Jungen erkennen, den sie geliebt hatten und der sie so schreckliche enttäuscht hatte?

 

Er kaufte sich etwas zu essen und setzte sich unter einen Baum, wo er für den Rest des Tages sitzen blieb. Der Brief, den er am Abend in den Briefkasten einwarf, war sehr kurz, aber er hatte sich stundenlang damit abgemüht. Er endete mit den Worten: “Ich weiß, es ist verrückt, anzunehmen, dass Ihr mich überhaupt noch einmal sehen wollt. Aber entscheidet selbst. Ich werde früh am Donnerstagmorgen ans Ende unserer Straße kommen. Wenn Ihr mich zu Hause haben wollt, hängt ein weißes Taschentuch ins Fenster meines alten Zimmers. Wenn ich es dort sehe, werde ich zu Euch kommen; wenn nicht, werde ich dem alten Haus noch einmal zuwinken und mich wieder davonmachen.” Und nun war der Donnerstagmorgen da. Der Anfang der Straße war gleich um die Ecke. Dieses Haus gab es jedenfalls noch!

 

Auf einmal hatte der Mann es nicht mehr eilig! Er setzte sich einfach auf den Gehsteig und starrte die Steine an. Ewig konnte er den Augenblick der Wahrheit natürlich nicht hinauszögern. Vielleicht waren die Eltern inzwischen ausgezogen? Wenn kein Taschentuch da war, wollte er wenigstens ein paar Erkundigungen in der Stadt einziehen, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Er wagte gar nicht daran zu denken, was er tun sollte, wenn seine Eltern zwar noch dort wohnten, ihn aber nicht mehr sehen wollten.

 

Mühsam und mit schmerzenden Gliedern erhob er sich. Er war steif vom Übernachten im Freien, und die Straße lag noch im Schatten. Mit unsicheren Schritten wankte er zu der alten Platane hinüber, von der aus, das wusste er, das Backsteinhaus deutlich zu sehen sein würde. Bis dahin hielt er den Blick zu Boden gesenkt. Mit fest zusammengekniffenen Augen stand er ein paar Augenblicke unter den Ästen des Baumes. Dann holte er tief Luft und wagte den Blick zum anderen Ende der Straße hinüber.

 

Und dann stand er da und starrte und starrte…

 

Das kleine Backsteinhaus wurde bereits von der Sonne beschienen – aber es war kein kleines rotes Backsteinhaus mehr. Aus allen Fenstern hingen Betttücher und Kissenbezüge, Handtücher und Tischdecken, Taschentücher und Servietten; und aus dem Dachfenster flatterte eine große weiße Gardine quer über das ganze Dach. Rotes Backsteinhaus? Ein Schneehaus, das da in der Sonne glänzte!

 

Der Mann warf den Kopf zurück und stieß einen Freudenschrei aus. Dann rannte er über die Straße und durch die weit geöffnete Haustür direkt in sein Elternhaus hinein.

 

(Patricia St. John)

 

 

Herzliche Grüße Elke

 

Originalbild

 

 

 

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6 Antworten

  1. MoonLightShadow V

    Liebe Elke!Diese Geschichte ist wirklich sehr rührend und ich schließe mich voll und ganz meine Vor-Schreiberinnen an.Monré schrieb von einem Lied mit einem gelben Band im Baum, die Geschichte an sich ist in etwa die gleicht, das Lied relativ fröhlich…. ich werden den englischen Text mal in meinem Blog schreiben… (in der deutschen Übersetzung war es dann übrigens ein Blaues Band)Viele liebe GrüßeVera

    19. Februar 2009 um 11:19

  2. .

    Einfach nur SCHÖN!!!!

    18. Februar 2009 um 09:08

  3. Kerstin

    Liebe Elke…eine sehr rührende Geschichte und alles was man sagen könnte, würde es nicht ausdrücken…ich sag nur…das ist Liebe….danke…drück dich….und Gute Nacht wünscht dir Kerstin….

    17. Februar 2009 um 22:51

  4. Mon

    Liebe Elke,mir gefällt diese Geschichte. Es gab mal ein Lied, über ein gelbes Band imBaum, aber ich bring es nicht mehr zusammen. Elternliebe, Mutterliebe, —sie verzeiht fast immer…Liebe Grüße von mir zu dir,Monré

    17. Februar 2009 um 10:44

  5. DANI´s

    Diese Geschichte ist sehr schön und sehr tiefgründig . Sie zeigt das Liebe stärker ist als alles andere und das Liebe bedeutet das man egal was ein Kind macht und wie sein Weg sein wird immer verbunden ist .

    17. Februar 2009 um 08:17

  6. LOVE

    liebe elke,…. was für eine rührende geschichte! da braucht man garnichts groß zu schreiben…außer "elternliebe geht über alles"!!!gute nacht…knutscha

    17. Februar 2009 um 00:56

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